Kann Biotechnologie bedrohte Arten retten?

WEITERDENKER 2.0 · NATUR & BIODIVERSITÄT

Kann Biotechnologie bedrohte Arten retten?

Können moderne Biotechnologien bedrohte Arten widerstandsfähiger gegen Klimawandel und Krankheiten machen? Großbritannien investiert rund 54 Millionen Pfund in neue Forschungsansätze, die dem klassischen Naturschutz künftig zusätzliche Möglichkeiten eröffnen könnten.

Der Klimawandel verändert Lebensräume in einem Tempo, mit dem viele Tier- und Pflanzenarten kaum Schritt halten können. Neue Krankheiten breiten sich aus, Trockenperioden nehmen zu und ganze Ökosysteme geraten unter Druck. Klassischer Naturschutz versucht, Lebensräume zu erhalten, Populationen zu stabilisieren und schädliche Einflüsse zu reduzieren. Doch was passiert, wenn diese Maßnahmen allein nicht mehr ausreichen?

In Großbritannien wird derzeit an einem Ansatz geforscht, der bisher vor allem aus Medizin und Landwirtschaft bekannt ist: Biotechnologie soll wildlebenden Arten möglicherweise dabei helfen, widerstandsfähiger gegen Krankheiten und veränderte Umweltbedingungen zu werden.

Die britische Forschungsagentur ARIA (Advanced Research and Invention Agency) stellt dafür rund 54 Millionen Pfund bereit. Im Rahmen des Programms „Accelerated Adaptation“ untersuchen verschiedene Forschungsteams, wie sich die natürliche Anpassungsfähigkeit von Arten gezielt unterstützen oder beschleunigen lässt.

 

Bäume gegen Krankheiten widerstandsfähiger machen

Ein Schwerpunkt der Forschung liegt auf Europas Wäldern. Denn neben steigenden Temperaturen und zunehmender Trockenheit setzen auch eingeschleppte und neu auftretende Krankheitserreger vielen Baumarten zu.

Mehrere Forschungsgruppen untersuchen deshalb, wie Bäume besser gegen Pilzerkrankungen geschützt werden könnten. Ein Projekt entwickelt beispielsweise einen RNA-basierten Ansatz, der gezielt gegen bestimmte Krankheitserreger wirken soll. Ein anderer Forschungsansatz beschäftigt sich mit der Frage, ob sogar bereits ausgewachsene Bäume nachträglich widerstandsfähiger gemacht werden können.

Auch die zunehmende Trockenheit spielt eine Rolle. Forschende der Royal Botanic Gardens, Kew, untersuchen, ob sich Samen so behandeln lassen, dass daraus Bäume entstehen, die längere Trockenperioden besser überstehen können.

 

Hilfe für Amphibien und Bestäuber

Nicht nur Pflanzen könnten von den neuen Technologien profitieren. Auch bei Tieren werden ungewöhnliche Wege erforscht.

Ein Projekt beschäftigt sich mit Amphibien und dem gefährlichen Chytridpilz, der weltweit zahlreiche Populationen von Fröschen, Kröten und anderen Amphibien bedroht. Untersucht wird, ob gezielt veränderte Mikroorganismen auf der Haut der Tiere deren Widerstandsfähigkeit gegen die Infektion verbessern können.

Andere Forschungsteams widmen sich den Bestäubern. Sie untersuchen unter anderem Möglichkeiten, wildlebende Bestäuber besser gegen Viruserkrankungen zu schützen. Angesichts ihrer Bedeutung für die Fortpflanzung zahlreicher Wild- und Kulturpflanzen könnten entsprechende Entwicklungen weit über den Schutz einzelner Arten hinaus relevant werden.

 

Selbst Moore und Küsten könnten profitieren

Die Forschung beschränkt sich allerdings nicht auf bekannte Tier- und Baumarten. Auch unscheinbare Pflanzen, die für ganze Ökosysteme von entscheidender Bedeutung sind, stehen im Mittelpunkt.

Torfmoose beispielsweise bilden eine wesentliche Grundlage vieler Moore. Diese Ökosysteme können über lange Zeiträume große Mengen Kohlenstoff speichern. Ein Forschungsprojekt untersucht deshalb, wie Torfmoose widerstandsfähiger gegenüber veränderten klimatischen Bedingungen gemacht werden könnten.

Ein weiterer Ansatz beschäftigt sich mit Strandhafer. Die Pflanze stabilisiert Sanddünen und trägt damit zum natürlichen Küstenschutz bei. Forschende wollen herausfinden, ob sich ihre Anpassung an veränderte Umweltbedingungen beschleunigen lässt.

 

Wie weit dürfen wir in die Natur eingreifen?

Gezielte biotechnologische Eingriffe könnten künftig verhindern, dass einzelne Populationen durch Krankheiten, Hitze oder Trockenheit zusammenbrechen. Gleichzeitig sind natürliche Ökosysteme hochkomplex. Veränderungen an einer Art können Auswirkungen auf andere Arten und damit auf ganze Nahrungsketten haben.

Besonders schwierig ist dabei die Frage, wie sich mögliche langfristige Folgen abschätzen lassen. Während sich viele biotechnologische Verfahren unter kontrollierten Bedingungen untersuchen lassen, ist die Situation in der freien Natur wesentlich komplexer.

ARIA berücksichtigt diese Unsicherheiten und finanziert neben der biologischen Forschung auch Arbeiten zu Modellierung, Datenvalidierung, Ethik und Governance. Denn bevor entsprechende Technologien tatsächlich in der freien Natur eingesetzt werden, müssen ihre möglichen Folgen sorgfältig untersucht werden.

54 Mio. £
Britisches Forschungsbudget für Accelerated Adaptation.
5 Bereiche
Bäume, Amphibien, Bestäuber, Torfmoose und Strandhafer.
4 Ansätze
RNA-Technologie, Mikroorganismen, Saatgutbehandlung und weitere biotechnologische Verfahren.
Conclusio

Weitergedacht.

Biotechnologie wird Wälder, Moore oder Bestäuber nicht dauerhaft schützen können, wenn gleichzeitig ihre Lebensräume verschwinden und die Belastungen durch den Klimawandel weiter zunehmen. Sie könnte dem Naturschutz künftig jedoch ein zusätzliches Werkzeug zur Verfügung stellen.
Wenn wir die technischen Möglichkeiten besitzen, einer bedrohten Art bei der Anpassung zu helfen – sollten wir sie dann auch einsetzen?

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