Wie Europas Städte ihre Straßen zurückgewinnen – Mobilität für lebenswerte Stadträume
Wie Europas Städte ihre Straßen zurückgewinnen – Mobilität für lebenswerte Stadträume
Straßen sind mehr als Verkehrswege. Sie sind Schulwege, Einkaufsorte, Treffpunkte und ein großer Teil unseres öffentlichen Raums. Dennoch wurden sie jahrzehntelang vor allem für fahrende und parkende Autos gestaltet. In europäischen Städten verändert sich dieser Blick: Wo früher Stellplätze und Durchzugsverkehr dominierten, entstehen Grünflächen, sichere Wege und Orte zum Verweilen.
Die Europäische Mobilitätswoche vom 16. bis 22. September rückt diese Entwicklung in den Mittelpunkt. Unter dem Motto „Mobilität für alle“ geht es 2026 auch um die Frage, wie öffentliche Räume für unterschiedliche Generationen zugänglich und nutzbar werden.
Paris: Aus Straßen sollen grüne Räume werden
In Paris wird der Umbau besonders sichtbar. Die Stadt setzt seit Jahren auf Radwege, verkehrsberuhigte Schulumgebungen und mehr Grün im Straßenraum.
Bei einer Bürgerbefragung im März 2025 stimmten rund 66 Prozent der Teilnehmenden dafür, weitere 500 Straßen zu begrünen und für den Fußverkehr umzugestalten. Das ist ein Ausbauziel, keine bereits abgeschlossene Maßnahme. Die geringe Beteiligung zeigt zudem, dass Zustimmung bei einer Befragung nicht automatisch einen breiten gesellschaftlichen Konsens bedeutet.
Die Richtung ist dennoch klar: Weniger versiegelte Flächen und mehr Bäume sollen nicht nur das Stadtbild verändern. Sie können Schatten schaffen, Regenwasser aufnehmen und die sommerliche Hitze lokal abmildern.
Barcelona: Nachbarschaften statt Durchfahrtsräume
Barcelona verfolgt mit seinen „Superblocks“ und grünen Straßenachsen einen ähnlichen Ansatz. Der Durchzugsverkehr wird eingeschränkt, während die Erreichbarkeit für Anwohner, Lieferungen und notwendige Fahrten erhalten bleiben soll.
Im dicht bebauten Stadtteil Eixample wurden Abschnitte von vier Straßen, darunter die Consell de Cent, zu grünen Achsen umgebaut. Neue Plätze, Bäume und Sitzgelegenheiten verändern dort die Nutzung des Straßenraums: Menschen können sich begegnen, Kinder bekommen mehr Platz und Wege zu Fuß werden angenehmer.
Dabei geht es nicht darum, jede Straße vollständig autofrei zu machen. Entscheidend ist, welcher Verkehr tatsächlich notwendig ist – und welcher eine Nachbarschaft lediglich als Abkürzung nutzt.
Gent: Durchzugsverkehr wird umgeleitet
Die belgische Stadt Gent zeigt, dass auch eine veränderte Verkehrsführung viel bewirken kann. Seit 2017 teilt ein Verkehrsplan das Zentrum in mehrere Bereiche. Wer mit dem Auto zwischen diesen Bereichen wechseln möchte, wird grundsätzlich über den Ring geführt, statt quer durch die Innenstadt zu fahren.
Das Zentrum bleibt erreichbar. Gleichzeitig wird die Nutzung als Durchfahrtsroute erschwert. Für Wege zu Fuß und mit dem Fahrrad bleiben direkte Verbindungen bestehen.
Das Prinzip dahinter ist einfach: Eine Stadt kann notwendige Autofahrten ermöglichen, ohne sämtliche Straßen dem Durchzugsverkehr zu überlassen.
Weniger Verkehr braucht gute Alternativen
Solche Veränderungen sind kein Selbstläufer. Werden Autos nur in benachbarte Straßen verdrängt, verlagert sich die Belastung. Fehlen verlässliche Bus- und Bahnverbindungen oder sichere Radwege, wird der Alltag für viele Menschen schwieriger.
Auch Lieferverkehr, Pflegekräfte, Menschen mit eingeschränkter Mobilität und Pendler müssen mitgedacht werden. Für lokale Geschäfte zählt nicht allein die Zahl der Parkplätze, sondern ob Kunden sie gut erreichen können. Ob ein Umbau den Handel stärkt, muss vor Ort geprüft werden – pauschale Erfolgsversprechen helfen ebenso wenig wie pauschale Ablehnung.
Eine andere Nutzung des begrenzten Raums
Die Beispiele zeigen unterschiedliche Wege, aber denselben Grundgedanken: Straßen können mehr leisten, als Verkehr aufzunehmen.
Wo weniger Fläche für Autos benötigt wird, entstehen Möglichkeiten für Grün, Begegnung und Bewegung. Das kann Städte leiser, sicherer und widerstandsfähiger gegen Hitze machen. Voraussetzung sind durchdachte Planung, brauchbare Alternativen und die Bereitschaft, Probleme nach der Umsetzung zu korrigieren.
Eine lebenswerte Stadt entsteht nicht allein durch sauberere Autos. Sie entsteht auch dadurch, dass ihr begrenzter Raum mehr Menschen zugutekommt.
Welches Grundprinzip verbindet die Beispiele aus Paris, Barcelona und Gent?
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